Interview mit Dorothea John

Frau John, Sie sind ein „Urgestein“ in der Friedensgemeinde:

Wissen Sie, mein Vater war Stadtpfarrer in Bad Cannstatt. 1933 kamen wir hierher, da war ich 12 Jahre alt. In den Kriegsjahren und kurz danach haben wir alle Männer der Familie verloren. 1941 fiel mein Bruder im Polenfeldzug, unser Vater starb nach einem Bombardement im September 1944 den Feuertod in der Kirche (die damals im Gemeindehaus unterbracht war), und mein Zwillingsbruder erlag 1946 einem Lymphdrüsenkrebs. Meine ältere Schwester habe ich nie gekannt, sie starb vor meiner Geburt an einem Lungenleiden.

Ich selber hatte mehr Glück, auch beruflich: Ich wurde Diplombibliothekarin und bekam sofort eine Stelle in der Stadtbücherei: Bis 1981 habe ich begeistert mit Menschen und Büchern zu tun gehabt. Es war schön, viele (Lese)Wünsche erfüllen zu können. Bis auf die Zeit zwischen 1944 und 1960 war ich also hier, über 60 Jahre!

 

An welche schönen Erlebnisse denken Sie gerne zurück? Einmal an die Konfirmation mit meinem Bruder durch unseren Vater. Schön war auch als mir die Brenzmedaille überreicht wurde nach 30 Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit im KGR.

 

Was schätzen Sie an der Friedensgemeinde? Dankbar bin ich dafür, wie meine Mutter und ich nach 16 Jahren Abwesenheit freundlich aufgenommen wurden. Zu allen Pfarrern hatte ich persönliche Kontakte, und ich wurde immer mehr in Ehrenämter eingebunden. Selber habe ich zwar nicht mehr Geld davon gehabt aber einiges hat mich glücklich gemacht.

 

Es war aber sicher nicht immer einfach? Das stimmt. Ich musste erst einmal lernen, dass es in der Kirche manchmal schlimmer zugeht als in einem städtischen Betrieb. Ich habe mich auch über manche Gruppenbildung und manchen Aufbau von Feindbildern geärgert. Zum Glück haben mich gute Erfahrungen und Begegnungen mit eindrücklichen Menschen im

Gesamtkirchengemeinderat über manche schwere Phasen getragen. Auch die Arbeit im Leitungskreis des Hospitalhofs hat mir viel Freude gemacht. Bedauerlich ist, dass theologischen Themen kaum noch angeboten werden.

Es gab auch privat viele harte Zeiten, aber selbst als ich am Boden war, gab es jeden Tag etwas Positives, wofür ich dankbar war. Ich konnte mich nicht der Verzweiflung hingeben.

 

Welche Wünsche haben Sie für die Kirche der Zukunft?

Die Entkirchlichung macht mir große Sorgen. Vor allem aber hoffe ich, dass sich die Ökumene weiterentwickelt. Wenn wir in der Öffentlichkeit präsent sein wollen, müssen wir geschlossen auftreten. Die Zukunft macht mir aber nicht so viel Angst, weil ich keine Kinder und Enkel habe. Mit mir stirbt ein Zweig, der bis Anfang des 17. Jh. reicht.

 

 

Das Gespräch führte der Besuchsdienst der Friedensgemeinde