Die ersten Wochen waren ein Schock“

S-Ost Der Pfarrer Dieter Bofinger verabschiedet sich im Oktober in den Ruhestand. Er behält seine Gemeinde in bester Erinnerung.

S-Ost –      . Zwölf Jahre lang war Dieter Bofinger Gemeindepfarrer der evangelischen Friedenskirche im Stadtbezirk Ost. Im Interview erzählt der 65-Jährige, wie er seine Zeit in Stuttgart erlebt hat.

Herr Bofinger, Sie sind 2004 vom beschaulichen Wendlingen nach Stuttgart gekommen. Was war der Grund für den Wechsel?

Ich wollte etwas Neues wagen und eine großstädtische Situation erleben. Ich bin gebürtiger Stuttgarter. Ich hatte also ungefähr geahnt, was auf mich zukommt. Aber die ersten Wochen waren dennoch ein Schock.

Weshalb?

In Wendlingen hatte ich eine sehr gut funktionierende Gemeinde. Die Gottesdienste waren gut gefüllt. Ich habe pro Jahr etwa 30 Konfirmanden gehabt, die Kinderkirche und die Seniorenkreise waren voll besetzt. Als ich an die Friedenskirche gekommen bin, hatte ich maximal vier Konfirmanden. In manchen Jahren sogar gar keine. In der Kinderkirche waren am Sonntag meist nur zwei Kinder. Im Seniorenkreis saßen etwa zehn Menschen. Und in den Gottesdiensten herrschte gähnende Leere.

Woran könnte das Ihrer Ansicht nach gelegen haben?

Das ist zum einen dem demografischen Wandel geschuldet. Es gibt in unserer Gemeinde viel zu wenig Jugendliche. Wir haben hier auch einen hohen Ausländeranteil, der nicht christlich ist. Generell ist die Kirche in Stuttgart zudem viel angebotsorientierter als in kleinstädtischen Gemeinden wie Wendlingen. Die Leute gehen deshalb gezielt dorthin, wo sie das bessere Angebot für sich finden und binden sich ungern an eine einzige Kirchengemeinde. Und da die Kirchen nah beieinander liegen, kann man sie auch gut erreichen.

Eine klassische Konkurrenzsituation.

Richtig, und das auf engstem Raum. Auf diese Situation musste ich mich erst einstellen. Die Kirche in Stuttgart ist kein Selbstläufer gewesen. Es war eine bleibende Anstrengung, die Menschen in die Kirche zu holen.

Was haben Sie unternommen, um die bestehenden Probleme zu bekämpfen?

Ich habe interessante und anspruchsvolle Veranstaltungen ins Haus geholt. Die Sommerpredigten mit prominenten Rednern kommen nach wie vor sehr gut an. Die Seniorentreffs sind nicht mehr einfach strukturiert, sondern beinhalten auch komplexere Themen, für die sich die Menschen interessieren. Die Kinderkirche findet jetzt freitags statt sonntags statt und es kommen regelmäßig etwa 15 Kinder und Jugendliche. Seit März 2015 haben wir das Gospelhaus im Angebot. Ein Jahr nach meiner Übernahme habe ich zudem den Abendgottesdienst eingeführt. Seither kommen bis zu 130 Personen. Sonntags sind aber nach wie vor viel zu wenig Menschen in der großen Kirche. Das ist leider so geblieben.

Gibt es etwas, das Sie nicht umsetzen konnten?

Ich finde es schade, dass es mit der engeren Zusammenarbeit beziehungsweise mit der Fusionierung der Friedenskirchengemeinde mit den Gemeinden der Lukas- und Heilandskirche nicht geklappt hat. Aus meiner Sicht macht es auf Dauer keinen Sinn, wenn jede Gemeinde etwas vor sich hinwerkelt.

Woran ist das gescheitert?

Es gab Befürchtungen, dass die Gemeinden durch eine Zusammenlegung die eigene Identität verlieren und die einzelnen Standorte darunter leiden könnten.

2 „Keiner sollte einsam sterben müssen“

Hätten Sie rückblickend etwas anders machen wollen?

Ja, ich würde die ganze Immobiliengeschichte deutlich früher angehen. Die Renovierung ist dringend nötig.

Was waren Ihre persönlichen Höhepunkte in den vergangenen Jahren?

Das war mit Sicherheit der Kirchentag im vergangenen Jahr. Da hatten wir 2000 Leute in der Gemeinde und sind durch die Arbeit enger zusammengerückt. Besonders schön war auch 2010 die Vereinigung mit der koreanischen Nambu-Gemeinde.

Gab es auch unschöne Momente?

Ich habe viele einsame Menschen getroffen, die ich auch seelsorgerisch begleitete habe. Neulich habe ich für einen Mann eine Trauerfeier gehalten, bei der außer dem Bestatter und mir keiner anwesend war. Der Mann ist gestorben und keiner hat es mitbekommen. Ich finde es wahnsinnig traurig, dass Menschen von uns gehen, ohne dass das jemand zur Kenntnis nimmt. Keiner sollte einsam sterben müssen. ­Leider gibt es diese sogenannten angeordneten Trauerfeiern in Großstädten immer öfter.

Wie werden Sie Ihre Gemeinde in Erinnerung behalten?

Ich wurde von Anfang an sehr herzlich aufgenommen und habe mich sehr wohl gefühlt. Ich war leidenschaftlich gerne Pfarrer an der Friedenskirche. Das lag hauptsächlich an den Menschen, die ich in ihrer oft sehr eigenen, aber selbstständigen, individuellen und hilfsbereiten Art sehr geschätzt habe. Was ich besonders toll fand ist, dass man hier die ganzen frommen Floskeln nicht angetroffen hat. Die Leute sagen, was sie denken. Das fand ich immer sehr erfrischend und angenehm.

Die Fragen stellte Fatma Tetik.